Kreuzberg - so nah und doch so fern…

27.05.2008: ... eine Bildungsfahrt mit Jugendlichen aus den CJD Seelow im Rahmen des XENOS-Projektes des Kreis- Kinder- und Jugendringes.

So machen wir uns denn auf die Reise nach Berlin - Berlin Kreuzberg. Nachdem wir im Rahmen des Xenos- Projektes "Zivilcourage künstlerisch" viel über Fremd sein, Diskriminierung und Toleranz gearbeitet hatten, wollen wir erleben, wie es sich anfühlt, dort zu sein, wo Menschen aus 150 unterschiedlichen Nationalitäten leben und wo durch Presse und Schauermärchen Vorurteile gut genährt sind.

Wir kommen an am U- Bahnhof Kottbusser Tor und schon jetzt fühlt sich alles etwas anders an als 3 Stationen zuvor. Treffpunkt ist das Kreuzbergmuseum. Dort begrüßt uns Wafaa, eine von vier jungen Frauen, die vor Jahren das Projekt "X- Berg - Tag" ins Leben gerufen haben und seitdem unzählige Gruppen aus Berlin, Brandenburg, der Welt auf sehr persönliche Weise durch ihr Kreuzberg führen.

Wafaa ist palästinensischer Herkunft und anhand der Geschichte ihrer Eltern, die in den 70iger Jahren vor dem Bürgerkrieg im Libanon flohen und in Berlin ein neues Leben anfangen mussten, beginnt sie den Einstieg in die Ausstellung "300 Jahre Zuwanderung in Kreuzberg". Es gibt viele Gründe für Zuwanderung. Neben Kriegsflüchtlingen und wegen ihres Glaubens verfolgten Menschen waren es vor allem als Arbeitskräfte angeworbene Leute, die nach Kreuzberg kamen, um für die Berliner Industrie zu arbeiten. Mit persönlichen Details, die berühren, gelingt es, uns Zuhörer in die Zeit und die Menschen hineinzuversetzen.

Nach der Ausstellung startet unser Rundgang gleich mit einem kulinarischen Schmankerl. In einem Trockenfrüchteladen gibt es diverse Knabbereien zu kosten, Nüsse, Pistazien, Kürbiskerne, Kichererbsen in unterschiedlichen Ummantelungen…lecker. Dann geht es weiter vom Kottbusser Tor über die Dresdner Straße zum Oranienplatz. Wir erfahren etwas über den Wohnungsbau im Kreuzberg der 60iger Jahre und über die Aktion Stolpersteine, bei der der Kölner Künstler Gunter Demnig an die Opfer der NS-Zeit erinnert, indem er vor ihrem letzten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir verlegte. Wafaa plauderte darüber, welche Promis in Kreuzberg leben und welche Filme gedreht wurden. Auf dem Oranienplatz geht’s dann ums Heiraten. Wafaa erzählt von türkischen Hochzeiten, von den kleinen mit 500 Gästen und den großen ab 1000 Gästen, von den Gold- und Geldgeschenken, den Armreifen, die später zur Familienkutsche werden können und den Tänzen, die im Kreis getanzt werden. Das wird auch gleich ausprobiert. Kai und Jelena das Brautpaar, wir anderen die Gäste. Wafaa zeigt uns die Schritte und los geht’s - vor zurück und Kreuz und…. Wafaa zeigt uns Fotos ihrer Familie und erzählt von dem Ritual der Beschneidung am Beispiel ihrer Jungs. Es ist zu spüren, dass das für viele der Auszubildenden schwer vorstellbar ist, aber Wafaa beantwortet alle Fragen offen und humorvoll. In ihren Augen funktioniert Integration nur, "indem man in Austausch miteinander tritt, indem man sich Einblicke in das jeweilige Leben gibt, indem man miteinander redet." Und das tun wir. Vom Oranienplatz geht es weiter über die Oranienstraße in die Wiener Straße.

Dort befindet sich auf einem Hinterhof die Merkez Camii eine von vielen Moscheen in Kreuzberg. Es ist kurz vor dem Freitagsgebet als wir die Moschee besuchen. Wafaa legt ein Kopftuch um und führt uns - nachdem alle am Eingang ihre Schuhe ausgezogen haben - in den großen Gebetsraum, in dem schon einige Männer sitzen und beten oder im Koran lesen.

Das Muster auf dem Teppich weist gen Mekka und gibt den Raum für eine Person vor. So weiß jeder - auch ein ortsfremder - Gläubiger, wohin er sein Gebet zu richten hat. Männer und Frauen beten getrennt. Wafaa erzählt uns etwas über den Islam und seine fünf Säulen. Sie sind das Glaubensbekenntnis, Gebet, Zakat geben (Unterstützung der Bedürftigen), Fasten im Monat Ramadhan und einmal im Leben die Pilgerreise nach Makkah für die, die es sich leisten können. Dadurch, dass Wafaa sehr persönlich aus ihrem Leben und ihren Erfahrungen berichtet, sind alle gebannt beim Zuhören und lernen ohne große Anstrengung Wissenswertes über den Islam. Nachdem alle Fragen beantwortet sind, verlassen wir die Moschee und gehen gleich nebenan in ein türkisches Restaurant, wo wir uns zwischen sechs unterschiedlichen Speisen vom Herd eine auswählen können. Dazu gibt es Salat oder Zatziki. Wafaa verabschiedet sich von uns und wir bedanken uns für eine spannende Zeit mit ihr in ihrem Kreuzberg.

Nach dem Essen spazieren wir die Wiener Straße entlang durch den Görlitzer Park und den Wrangel Kietz und treffen - Überraschung !! - vor der Oberbaumbrücke Tobias Starke (den Graffiti - Künstler, der mit uns den künstlerischen Teil des Projektes durchführt), der gerade mit einem Bekannten eine Einfahrt künstlerisch gestaltet. Wir sind gerade dabei, von unserer Tour zu berichten, als ein Auszubildender von uns von einem Mann auf einem Fahrrad angemacht wird, weil er ein "Böhse Onkelz"- T-Shirt trägt. Dieser Zwischenfall bietet eine gute Gelegenheit, darüber zu diskutieren, was es mit der Band auf sich hat und mit den Fans und ob es reicht, zu sagen, wir sind nicht mehr rechts und das war es. Die Diskussion erhitzt manches Gemüt und auch, nachdem wir uns von Tobias verabschiedet haben, gehen die Gespräche weiter.

Im Zug wird es stiller, Erschöpfung macht sich breit. Es war ein erlebnisreicherTag in Kreuzberg, in der Fremde, die eigentlich so nah ist und jetzt vielleicht auch nicht mehr ganz so fremd.

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