Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis
13.12.2006: Erste Ergebnisse des Fortbildungsaufenthalts zum "Community Organizing"
Ulrike Schumacher hat während ihres Aufenthalts in Chicago und im ländlichen Illinois in den Arbeitsalltag von sogenannten "Organizern" geschaut - was übersetzt soviel wie Organisator bedeutet. Ein/e OrganisatorIn ist eine hauptamtliche Arbeitskraft, die Gruppen, Vereine und weitere Organisationen eines Stadtviertels, Bezirks oder einer Region zusammenbringt. Eine gegenseitige Verständigung soll dazu führen, dass gemeinsame Probleme erkannt und bearbeitet werden.
Was sind die Hauptmerkmale des "Community Organizing"? Der oder die OrganisatorIn stößt an und fördert das gegenseitige Kennenlernen und Annähern. Beziehungen zwischen den Menschen, auch unterschiedlicher Herkunft, werden aufgebaut. Eine wichtige Rolle haben die einheimischen "leader" oder AnführerInnen. Das kann ein Vereinsvorstand sein, aber auch inoffizielle "Größen", denen viele vertrauen und die Ansprechpartner in bestimmten Lebensfragen sind. Sie können daran mitwirken, noch mehr Menschen einzubeziehen. Es können kleine oder größere Treffen veranstaltet werden, um Themen, die allen auf den Nägeln brennen, zu besprechen. Der Kreis ist nicht geschlossen, sondern ständig offen für neue MitstreiterInnen. Man geht davon aus, dass erst durch einen solchen Zusammenschluss genügend Kräfte zusammenkommen, um etwas erreichen oder verändern zu können.
Die besuchten Organisationen in Chicago und im ländlichen Illinois arbeiten z.B. an den folgenden Aufgaben: Elternarbeit, Kooperation mit Schulen, Sicherheit in der Nachbarschaft, Belange älterer Mitbürger und Jugendlicher/junger Erwachsener, Zusammenhang von häuslicher und öffentlicher Gewalt, Vorbereitung von Dorfjubiläen und Ankurbelung der Wirtschaft, Verbesserung des Miteinanders im Seniorenwohnheim oder Streiten für einen öffentlichen abendlichen Bus-Service. Die Menschen lernen, ihre Anliegen öffentlich zu machen und sich auf der kommunalen, oder auch der regionalen Ebene für sie stark zu machen. Es geht nicht um Allgemeinplätze, sondern die Themen sind so konkret wie nur möglich.
Im Rahmen der Netzwerkstelle "Leben in MOL" werden wir in den nächsten Wochen und Monaten prüfen, wo und wie Elemente des Organizing nutzbringend in unsere Arbeit einfließen können. Wie können wir z.B. unsere Versammlungen lebendiger und effektiver gestalten oder Menschen einbeziehen, die bisher nicht viel mitreden in öffentlichen Angelegenheiten?
Angeregt durch die US-amerikanischen Eindrücke könnte eine Vision für die Region so aussehen: Es finden muntere Aushandlungen über allgemeine Belange statt, und immer mehr Menschen werden darin einbezogen. Es werden Ideen "an der Basis" dazu entwickelt, wie vernünftige und wirksame Instrumente der Arbeitspolitik aussehen müssten. Für ihre Verwirklichung wird auf regionaler, Landes- und Bundesebene gestritten. Die Zivilgesellschaft ist in engem Dialog mit der Wirtschaft und ökonomische Impulse werden für alle fruchtbar. (Ökologische) Landwirtschaft, erneuerbare Energien und sanfter Tourismus sind wichtige Ertragsfelder. Damit verbundene "grüne Berufe" sind hoch geschätzt und bieten eine Lebensperspektive. Die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Beziehungen zur polnischen Nachbarregion sind intensiv, und die Fähigkeiten und Erfahrungen von Zuwanderern werden als Bereicherung erlebt. Unerwünschten Investoren und falschen Versprechen setzt man sich erfolgreich zur Wehr. Die Identität ist geprägt durch Zufriedenheit und Stolz, in einer wunderschönen Region im Herzen Europas zu leben.
Dieses Vorhaben wird von der Volkswagenstiftung gefördert.